Liebe Leserinnen, liebe Leser
Am Donnerstagabend fand die Preisverleihung des Think Tank Thurgau Jugendwettbewerbs im Rathaus Weinfelden statt. Es war ein Abend voller Inspiration – und ein eindrücklicher Beweis dafür, dass die nächste Generation bereit ist, sich den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen. Herausforderungen, die sich grundlegend verändert haben.
Unsere Bildungssysteme haben uns über Jahrzehnte darauf vorbereitet, die Probleme des Mangels zu lösen: mehr zu produzieren, mehr zu erschliessen, mehr zu verkaufen. Das hat lange funktioniert. Doch heute bekämpfen wir nicht mehr nur Probleme des Mangels – wir bekämpfen auch Probleme des Überflusses: die Informations- und Datenflut, aus der wir das Relevante herausfiltern müssen; den Raubbau an natürlichen Ressourcen, der uns zwingt, von linearem zu zirkulärem Denken umzustellen; kurzfristige Deals, die langfristiges, gesellschaftliches Wohlergehen verdrängen. Das erfordert andere Kompetenzen: die Fähigkeit, mit Komplexität und Widersprüchen umzugehen; einen tieferen Sinn – einen Raison d’Être – der über kurzfristige persönliche Interessen hinausgeht; und Grit, also Beharrlichkeit, um langfristige Ziele auch dann zu verfolgen, wenn das Labor nicht das gewünschte Ergebnis liefert, das Archiv keine Antworten hat oder die Drohne in Schieflage gerät.
Genau das haben die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger bewiesen – im Labor, im Archiv, im Feld und vor dem Bildschirm. Ich freue mich, Ihnen die Preisträgerinnen und Preisträger verkünden zu dürfen:
1. Rang: Johannes Stölzle, Betreuer: Tom Hofmann, Kantonsschule Romanshorn
Development of an Autonomous Drone System for Wolf Perception, Deterrence, and Livestock Protection
2. Rang: Isabelle Seiler, Betreuer: Michael Jung, Kantonsschule Frauenfeld
Ausgewiesen – Das Schicksal «Nazi-Deutscher» nach dem Zweiten Weltkrieg im Thurgau
3. Rang: Tobias Brack, Betreuerin: Annika Jäger, Kantonsschule Kreuzlingen
Isolation und Charakterisierung von Bakteriophagen mit Wirksamkeit gegen Pseudomonas aeruginosa
3. Rang: Nils von Kampen, Betreuerin: Dr. Anna Kisters, Kantonsschule Kreuzlingen
Entwicklung einer KI-basierten App zur Unterstützten Kommunikation für Menschen mit sprachlicher Beeinträchtigung
4. Rang: Anoa Bachofen, Betreuerin: Karin Keller, Kantonsschule Romanshorn
Mitigating the Climate Impact of Contrails: A Path Toward Sustainable Aviation in the Next Decade
4. Rang: Sophia Bommeli, Betreuerin: Dr. Carla Aubry, Pädagogische Maturitätsschule Kreuzlingen
Was ist Autismus und wie zeigt er sich?
4. Rang: Yara Lüdin, Betreuer: Dr. Marcello Indino, Kantonsschule Kreuzlingen
Autismus in der Schule – Integrative Massnahmen und ihr Einfluss auf den Schulerfolg
4. Rang: Katerina Schuhmacher, Betreuerin: Dr. Andrea Möckli, Kantonsschule Frauenfeld
Auswirkungen des bilingualen Aufwachsens auf die kognitiven Fähigkeiten
Regierungsrätin Denise Neuweiler hielt die Laudatio – ein bewegender Moment für alle Anwesenden. Das Ensemble der Pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen sorgte mit mitreissender Musik für eine wunderbare Atmosphäre. Durch den Abend führten meine neue Co-Leiterin Petronella Vervoort und ich – eine Premiere, die ich sehr genossen habe.
Ich hoffe, dass ich Ihr Interesse für das eine oder andere Thema geweckt habe! Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Ansehen der Videos und freue mich, wenn Sie sich über info@thinktankthurgau.ch mit uns austauschen.
Herzliche Grüsse
Regula K. Broger
Vizepräsidentin Stiftung Think Tank Thurgau
1. Rang: Johannes Stölzle, Kantonsschule Romanshorn
Wie können Nutztiere vor Wölfen geschützt werden, ohne ihnen ihren Platz im Ökosystem zu nehmen? Johannes‘ Antwort: Eine KI, die Wölfe aus der Luft zuverlässig erkennt. Eine Drohne, die einer Herde autonom folgt, bei Wolfserkennung in den Abwehrmodus wechselt, zur Ladestation zurückkehrt und den Hirten in Echtzeit informiert. Der Thurgau könnte sich damit als Hub für Agrar-Robotik positionieren. Welch ein Durchbruch – und welch ein würdiger 1. Rang!
2. Rang: Isabelle Seiler, Kantonsschule Frauenfeld
Nach dem 2. Weltkrieg wies der Thurgau deutsche Staatsbürger aus, die dem Nationalsozialismus nahestanden oder vermeintlich nahestanden, oft bevor eidgenössische Richtlinien überhaupt in Kraft traten. Isabelle erschloss kaum durchsichtete Primärquellen im Staatsarchiv Thurgau. Ihr Befund: Entscheide basierten oft auf Gerüchten und persönlichen Einschätzungen. Diese Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur im Thurgau und darüber hinaus.
3. Rang: Nils von Kampen, Kantonsschule Kreuzlingen
Kommunikation ist ein Grundrecht – doch für Menschen, die kaum sprechen können, bleibt sie oft unerreichbar. Nils entwickelte «SymPik», eine KI-gestützte App, die Sätze elegant vereinfacht, sodass sie präzise auf Piktogramme abgebildet werden. Die Übersetzungs-Trefferquote stieg von 83% bisher erhältlicher Apps auf nahezu 100% bei Nils‘ App! Eine offene Lösung wie SymPik könnte Inklusion für viel mehr Menschen erfahrbar machen – welch ein Fortschritt!
3. Rang: Tobias Brack, Kantonsschule Kreuzlingen
Jährlich sterben rund 1,3 Millionen Menschen an Antibiotika-resistenten Bakterien. Tobias isolierte eigenhändig Bakteriophagen aus Thurgauer Gewässern und testete ihre Wirkung gegen Pseudomonas aeruginosa – ein Keim, der bei immungeschwächten Personen besonders aggressiv ist. Sein Befund: Halo-bildende Phagen können dessen Biofilm zerstören – dort, wo Antibiotika scheitern. Ein wissenschaftlich wertvoller Durchbruch. Seine Phagen sind heute Teil der Sammlung der ZHAW.



