Liebe Leserinnen und Leser

Um die Jahrtausendwende wurde ich als Medienwissenschafter immer wieder mal gefragt, wie lange es wohl noch Zeitungen geben würde. Ich erinnere mich noch gut an eine Podiumsdiskussion, wo ein Chefredaktor darauf sagte: „Zeitungen wird es immer geben, denn die Leute haben einfach lieber etwas in der Hand als nur einen Onlinetext.“ Ich widersprach und sagte: „Nein – Zeitungen wird es so lange geben, wie sie sich finanzieren können.“ Ich hätte mich noch so gern getäuscht…

Damit sind wir genau beim Kernthema unseres heutigen Newsletters: Wie lange können sich Qualitätsmedien überhaupt noch finanzieren? Diese Frage ist keineswegs nur eine Frage für Verlegerinnen und Verleger. Sie geht uns alle an! Denn als Demokratie sind wir auf Gedeih und Verderben auf funktionierende Medien angewiesen. Weder lokal, noch kantonal oder national sind wir imstande, sinnvolle Entscheidungen an der Urne zu fällen, wenn wir nicht, schlecht oder falsch informiert sind. Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft fög der Universität Zürich befasste sich in seinem Jahrbuch Qualität der Schweizer Medien 2022 genau damit.

Mittlerweile hat sich aber längst gezeigt: Das traditionelle Geschäftsmodell der Schweizer Medien funktioniert nicht mehr. Zwei Artikel zeigen dies deutlich auf. Eine Schwierigkeit dabei ist: Fundierte Recherchen und Informationen sind viel teurer als Meinung und Emotionen. Leider fehlt aber in der Bevölkerung die für Qualität notwendige Zahlungsbereitschaft. Das ist ein zentrales Problem für Qualitätsmedien: Gekauft wird nicht das Produkt, das teure Information liefert, sondern dasjenige, das emotional anspricht. Genauso bröckelte die zweite Säule der Finanzierung, die Werbung, Gemäss einer Schätzung von PwC fliessen mittlerweile rund 3/4 der Schweizer Werbegelder an die grossen Tech-Firmen (genaue Zahlen geben diese Tech-Firmen leider nicht bekannt). Die Grössenordnung ist aber sehr plausibel – und für Qualitätsmedien verheerend: So gab es bei ihnen in den letzten Jahrzehnten nur eine Richtung: Weniger Zeitungstitel, mehr Konzentration, weniger Zeitungsseiten, weniger Redaktorinnen und Redaktoren. Es folgte eine Sparrunde auf die andere.

Dass das problematisch ist, darauf machte die Eidgenössische Medienkommission EMEK in ihrem Bericht „Markt- und Meinungsmacht von Plattformen“ aufmerksam. Neben dem Abfluss von Werbegeldern (und den fehlenden Einnahmen für Schweizer Qualitätsmedien) kommt dazu, dass demokratischer Diskurs so von ausländischen Tech-Konzernen bestimmt wird. Dass diese Techkonzerne teilweise sehr direkt die Stabilität von Demokratien angreifen, zeigte sich im vergangenen Jahr immer deutlicher. Was das bedeutet, beleuchtet der Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree im Magazin der Universität Köln im Beitrag „Wie Big Tech unsere Freiheit bedroht“.

Wie rasch auch eine alte Demokratie aus den Fugen gerät, können wir derzeit in den USA direkt mitverfolgen. Auch unsere Demokratie wird derzeit von verschiedenen Seiten massiv angegriffen. Die Frage, ob und wie sich Medien als zentrale Basis einer Demokratie finanzieren können, darf daher – wie oben erwähnt – nicht nur ein Problem der Verleger sein. Vor 15 Jahren schon schrieben die Schweizer Publizistikwissenschafter Manuel Puppis und Matthias Künzler: „Will die Gesellschaft den Journalismus, auf dessen Leistungen sie für eine funktionierende Demokratie angewiesen ist, nachhaltig sichern, so sollten Formen der öffentlichen Finanzierung in Betracht gezogen werden.“ Der Verlegerverband sträubte sich damals noch dagegen. Mittlerweile schreibt er selbst, es sei „jetzt an der Zeit, über eine mittel- bis langfristige Medienförderung nachzudenken, die Medien auch unabhängig des Kanals und des Geschäftsmodells sinnvoll unterstützen kann.“ Wer in die Welt blickt, muss in der Tat konstatieren: Es ist höchste Zeit!

Mit freundlichen Grüssen
Thomas Merz
Mitglied Stiftungsrat Think Tank Thurgau

Bedeutung der Information für eine Demokratie