Liebe Leserinnen, liebe Leser

Ich halte mich für einen vielseitig interessierten Menschen. Wirtschaftliche Zusammenhänge, gesellschaftliche Entwicklungen und Fragen der Energieversorgung gehören zu meinen besonderen Interessengebieten. So bekam auch ich vor einigen Jahren mit, dass irgendwo im hinteren Glarnerland ein Kraftwerk gebaut wird. Im Detail habe ich mich damals allerdings nicht mit diesem Projekt beschäftigt. Beim Skifahren auf dem Vorabgletscher fiel mir immerhin auf, dass die Hochspannungsmasten erneuert und die Leitungen verstärkt wurden. Als die Strompreise Mitte des letzten Jahrzehnts regelrecht in den Keller purzelten, war zu hören, dass die Axpo unter diesen wirtschaftlichen Vorzeichen die Investition wohl kaum mehr bewilligt hätte.
Inzwischen sind zehn Jahre vergangen. Die Anlage läuft und hilft immer wieder mit, Süddeutschland aus der Strompatsche zu retten.
Der Kanton Thurgau ist indirekt mit 12,25 % an der Axpo beteiligt. Kürzlich ergab es mir die Gelegenheit, dieses eindrückliche Bauwerk zu besichtigen.

Kurz gesagt: Es war mehr als beeindruckend!
In weiser Voraussicht, dass Pumpspeicherkraftwerke künftig eine zentrale Rolle im europäischen Stromverbund spielen könnten, entschied der Verwaltungsrat der Axpo 2003, die Leistung der Kraftwerke Linth-Limmern (KLL) massiv (Faktor 3) auszubauen. Zunächst wurde ein Planungskredit von CHF 200 Mio. bewilligt. 2009 begannen die Bauarbeiten am CHF 2.1 Mia. Projekt, und ab 2016 wurde die neue Anlage schrittweise in Betrieb genommen.
Die technischen Dimensionen sind bemerkenswert: Innerhalb von nur drei Minuten kann die Anlage vom Pumpbetrieb auf die Stromproduktion umschalten. Zusammen mit den älteren Kraftwerken aus den 1960er-Jahren können bei Bedarf rund 1’500 Megawatt (MW) Leistung bereitgestellt werden. Das entspricht ungefähr dem Eineinhalbfachen der elektrischen Leistung des KKW Gösgen, das jedoch über Monate kontinuierlich Bandenergie liefert. In umgekehrter Richtung, also vom Turbinen- in den Pumpbetrieb, dauert die Umstellung lediglich sechs Minuten. Derzeit wechselt die Anlage durchschnittlich achtmal täglich zwischen den beiden Betriebsarten. Technisch ausgelegt ist sie auf bis zu 20 Wechsel pro Tag.
Gerade in Zeiten des deutschen Atomausstiegs und einer zunehmend wetterabhängigen Stromproduktion aus Wind- und Sonnenenergie kommt solchen Anlagen eine Schlüsselrolle zu. Denn die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien richtet sich bekanntlich nicht nach dem aktuellen Verbrauch: Mal wird zu viel, mal zu wenig produziert.
Pumpspeicherkraftwerke tragen hier entscheidend zur Netzstabilität bei. Bei einem Stromüberschuss wird Wasser in höher gelegene Speicherseen gepumpt. Steigt die Nachfrage, fliesst das Wasser zurück ins Tal und treibt die Turbinen an. So lässt sich Energie im grossen Stil speichern und innerhalb weniger Minuten wieder bereitstellen.

Und noch eine Erkenntnis nehme ich von dieser Besichtigung mit:
Bei aller Wertschätzung für die Privatwirtschaft und ihre Innovationskraft bin ich überzeugt, dass solche Generationenprojekte nur dank der öffentlichen Hand beziehungsweise langfristig orientierter, öffentlich getragener Unternehmen realisiert werden können. Denn Investitionen dieser Grössenordnung verlangen einen Zeithorizont, der weit über die kurzfristige Gewinnmaximierung hinausgeht.
Das Pumpspeicherkraftwerk Linth-Limmern ist für mich ein eindrückliches Beispiel dafür, was unternehmerischer Weitblick, technisches Können und langfristiges Denken gemeinsam ermöglichen. Wer sich selbst ein Bild von diesem aussergewöhnlichen Bauwerk machen möchte, dem empfehle ich den verlinkten YouTube-Film.

Passend dazu ist mir der verlinkte Vortrag von Prof. em. Dr. Lino Guzzella, ehemaliger Rektor und Präsident der ETH Zürich, am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) der Universität Luzern zu Ohren gekommen.
Auf eindrückliche und verständliche Weise beleuchtet Prof. Guzzella unter dem Titel «Energie – Ökonomische Notwendigkeit und geostrategischer Machtfaktor» die aktuelle Lage auf den weltweiten Energiemärkten und insbesondere deren Auswirkungen auf Europa und die Schweiz. Besonders spannend finde ich, wie er das politisch Wünschbare dem physikalisch Machbaren gegenüberstellt und dabei so manche energiepolitische Vorstellung einer nüchternen Realitätsprüfung unterzieht. Für mich ist dieser Vortrag ein Muss für alle staatspolitisch Interessierten – und ganz besonders für unsere Politikerinnen und Politiker!

Als «Bodenseekind» bade ich seit jeher im Bodensee – vom Ufer aus. Dieses Jahr allerdings nicht.
Anfang August fiel mir ein Artikel über den «Kampf ums Wasserschloss» in die Hände. Dass die Verteilung des Wassers bei zunehmender Knappheit zu Diskussionen führt, liegt auf der Hand. Solange diese nicht in gewaltsame Auseinandersetzungen münden, wie wir sie andernorts auf der Welt immer wieder erleben, ist dagegen auch nichts einzuwenden.
Die Recherche über historische Ereignisse ist heute einfacher denn je. Man befragt die inzwischen erstaunlich leistungsfähigen digitalen Auskunftsmaschinen und erhält innert Sekunden Antworten auf Fragen.
Also wollte ich wissen, welche Bestrebungen es in der Vergangenheit gegeben hatte, den Wasserstand des Bodensees zu regulieren. Schliesslich wäre es gerade in diesem Sommer schön gewesen, wenn unser See etwas mehr Wasser geführt hätte – so wie andere, allerdings regulierte Schweizer Seen. Die Ergebnisse dieser Recherche möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Sie haben mich jedenfalls überrascht. Davon war seinerzeit in unserem Schulunterricht keine Rede. 😉 Und damit stellt sich für mich eine durchaus ernsthafte Frage: Sind wir eigentlich darauf vorbereitet, wenn die Unterlieger am Rhein angesichts zunehmender Wasserknappheit eines Tages lautstark nach mehr berechenbarem Wasser aus dem Bodensee verlangen?

Als 4.tes weise ich gerne auf unser TTT-Forum vom 3.11.26 hin. Hier gehen wir der Frage nach, wie wir Beziehungen im 21. Jahrhundert gestalten wollen und was Politik und Gesellschaft damit zu tun haben.

Ich wünsche anregende Lektüre.

Herzlichst
Hans-Jörg Schoop
Stiftungsrat Think Tank Thurgau

9 Jahre in 12 Minuten: Dokumentation des Baus des PSW Limmern | Axpo

Ein Muss für alle PV-Betreiber, aber Technikfans, Energieinteressierte und alle, die sich für grosse Ingenieurkunst interessieren: Verfolge im Filmzusammenschnitt die Highlights aus 9 Jahren Bauzeit im Schnelldurch-lauf. Film ab!

Prof. em. Dr. Lino Guzzella: Energie – Ökonomische Notwendigkeit und geostrategischer Machtfaktor.

«Die Welt braucht mehr Energie, die Schweiz besonders mehr elektrische Energie», sagt der ehemalige ETH-Präsident Prof. em. Dr. Lino Guzzella, in seinem Vortrag am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern. Seit Erfindung der Dampfmaschine habe der menschliche Erfindungsgeist stets neue Energiequellen erschlossen. Heute verbrauche die Menschheit so viel und so günstige Energie wie nie. Der Energieverbrauch werde auch im 21. Jahrhundert weiter steigen. Allein die Entwicklung der künstlichen Intelligenz benötige enorme Energiemengen. Dieser wachsende Bedarf werde auf absehbare Zeit zu einem grossen Teil mit Kohle, Öl und Erdgas gedeckt. Deshalb würden diese Energieträger auch die Geopolitik weiterhin prägen.

NZZ am Sonntag – E-Paper


Die Regulierung des Bodensees seit 1960
26. Okt. 2026 · @Hans-Jörg
Der Bodensee ist einer der wenigen grossen Alpenrandseen ohne Abflusssteuerung. Seit 1960 gab es genau einen ernsthaften Anlauf, das zu ändern; er scheiterte Anfang der 1970er-Jahre vor allem am Widerstand im Thurgau. Seither gilt eine Regulierung politisch als kaum durchsetzbar.
Ausgangslage vor 1960
Die Idee ist alt. Das erste Projekt stammt von 1879 und legte die sogenannte Schaffhauser Bedingung fest: Nach einer Regulierung darf aus dem Untersee nicht mehr Wasser abfliessen als bisher maximal (1035 m³/s). Diese Bedingung galt für alle späteren Projekte.
Die Regulierungsfrage war eng mit dem Plan verknüpft, den Hochrhein von Basel bis zum Bodensee für Güterschiffe befahrbar zu machen. Ein Staatsvertrag zwischen der Schweiz und Deutschland von 1929 sah diesen Ausbau grundsätzlich vor.
1960er-Jahre: Hochrheinschifffahrt und Regulierwehr
1961 – Gegenbewegung in Deutschland. Am 14. Januar 1961 gründeten die Natur- und Heimatschutzvereine Badens und Württembergs die «Arbeitsgemeinschaft zum Schutz von Hochrhein und Bodensee». Sie wehrten sich gegen die Hochrheinschifffahrt, die in Fachkreisen als beinahe beschlossene Sache galt.
1961 – «Projekt 61». Das Eidgenössische Amt für Wasserwirtschaft legte ein Gesamtprojekt für die Schiffbarmachung Basel–Bodensee vor. Die Staustufe Hemishofen beim Ausfluss des Untersees hätte auch der Bodenseeregulierung gedient: Sie sollte den Hochwasserschutz verbessern und im Winter genügend Fahrwassertiefe sichern.
1964 – Bundesrat drängt auf Abklärung. Am 7. Januar 1964 erklärte der Bundesrat, er wolle die Frage der Bodenseeregulierung mit den Kantonen sowie mit Deutschland und Österreich möglichst rasch klären. Die Gegner, besonders in Schaffhausen, reagierten sofort und scharf; auch im Thurgau formierte sich starker Widerstand.
1965 – Bundesrat wird skeptisch. In einem Bericht vom 11. Mai 1965 schätzte der Bundesrat, die Schifffahrtsprojekte bräuchten mindestens 20 Jahre und wären gegenüber der Bahn nicht konkurrenzfähig. Der Ausbau dränge sich weder verkehrspolitisch noch wirtschaftlich auf.
1966–1977 – Ökologische Gutachten. Die Studien von Jagg (1966), Knoll et al. (1969) und Henne et al. (1977) kamen alle zum Schluss, eine Regulierung würde der Umwelt gravierend und unverantwortbar schaden.
1969–1977: Der letzte konkrete Anlauf
Von 1969 bis 1977 erarbeitete die Schweiz unter Begleitung eines internationalen technischen Ausschusses ein technisches Projekt samt Regulierreglement. Das Reglement von 1973 sah unter anderem vor:

  • höhere Mindestwasserstände im Sommer
  • alle Schaltjahre eine Absenkung im Februar/März für Uferarbeiten
  • mehr Abfluss bei Rhein-Niedrigwasser von Oktober bis Dezember, um die Fahrwassertiefe für die Rheinschifffahrt zu erhöhen

Das Naturmuseum Thurgau zeigt heute ein Modell des Projekts mit einem Wehr und zwei Schiffsschleusen.
1973/74: Die Thurgauer Volksinitiative
Das war der entscheidende Wendepunkt. Auslöser war wohl das Regulierwehr-Projekt von 1966. Ein Aktionskomitee lancierte die «Thurgauer Volksinitiative zur Erhaltung der natürlichen See- und Flusslandschaft am Bodensee und Rhein», über die 1973 abgestimmt wurde. Trotz massiver Gegenpropaganda nahm das Stimmvolk den Verfassungsartikel deutlich an; neben dem Landschaftsschutz spielte die Sorge ums Trinkwasser eine Rolle.
Seither verpflichtet die Thurgauer Verfassung Kanton und Gemeinden, sich gegen Massnahmen zu wenden, welche die natürlichen Verhältnisse der See- und Flusslandschaft an Bodensee, Untersee und Rhein beeinträchtigen (§ 76 Abs. 3; die IGKB datiert die Bestimmung auf 1974). Der Rheinaubund wertete den Volksentscheid als Begräbnis der Lastschifffahrt bis in den Bodensee.
Ein Verbot auf staatsvertraglicher oder Bundesebene gibt es nicht. Die rechtlich stärkste Schranke ist diese kantonale Verfassungspflicht.
Formeller Verzicht auf die Schiffbarmachung

  • 1974: Eine schweizerische und eine deutsche Delegation einigten sich, nur noch die Strecke Basel–Aaremündung für eine spätere Schifffahrt freizuhalten und auf die Schiffbarmachung bis zum Bodensee zu verzichten.
  • 1987: Ein Bundesratsbericht kündigte an, Freihaltemassnahmen nur noch am Rhein bis zur Aaremündung und an der Rhone unterhalb des Genfersees zu treffen.
  • 1993: Am 1. Mai 1993 trat die neue Verordnung über die Freihaltung der Wasserstrassen in Kraft. Damit verlor das Wehr Hemishofen seine verkehrspolitische Begründung.

Seit den 1990er-Jahren
1995 – Baden-Württemberg lehnt ab. Die Landesregierung lehnte es ab, den Bodensee als Rückhaltereservoir zu nutzen, weil dies den Zielen für den Bodensee widerspreche.
2001 – Thur-Stollen. Ein Gutachten von Vischer schlug einen Entlastungsstollen in die Thur vor. Weiterverfolgt wurde die Idee nicht.
2018 – KHR-Bericht. Die Internationale Kommission für die Hydrologie des Rheingebietes analysierte zwölf Regulierungsprojekte. Fazit: Unter heutigen politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen kaum realisierbar; kein Ansatz konnte überwiegende Vorteile belegen.
2024 – Stellungnahme der IGKB. Die Gewässerschutzkommission hielt fest, dass kein konkreter Regulierungsantrag vorliegt. Sie bestätigte ihre sehr kritische Bewertung, auch angesichts des Klimawandels, und sieht keinen Anlass für weitere Abklärungen.
2025/2026 – Trockenheit. Die IGKB stellte 2025 fest, dass der Klimawandel vor allem die sommerlichen Hochwasserstände senkt. 2026 fiel der See aussergewöhnlich tief: Am Pegel Berlingen wurde am 7. Oktober der tiefste je gemessene Wert erreicht, rund 15 cm unter dem Rekord von 1949. Seit 1. Oktober fahren die Kursschiffe mehrere Untersee-Häfen nicht mehr an. Eine neue offizielle Regulierungsinitiative ist bisher nicht bekannt.
Fazit
Ab 1960 trieben vor allem die Hochrheinschifffahrt und der Hochwasserschutz die Regulierungsidee an. Ökologische Gutachten, die Thurgauer Volksinitiative von 1973 und das schwindende wirtschaftliche Interesse an der Güterschifffahrt brachten sie zu Fall. Thurgau, Baden-Württemberg und die IGKB lehnen eine Regulierung heute klar ab.
Quellen


TTT-Forum 2026: Beziehungen im 21. Jahrhundert