Liebe Leserinnen und Leser

In diesen Sommerferien fuhr ich mit dem Rad von Basel dem Rhein entlang nach Mainz, besuchte mit Freiburg, Colmar oder Strassburg wunderschöne Städte. Pflicht war für einen Medienwissenschafter in Mainz natürlich ein Besuch des Gutenberg-Museums. Der Besuch öffnet zunächst den Blick in eine entferne Vergangenheit und zeigt, was für diesen Buchdruck alles an Innovationen nötig war … von der Druckerpresse über die Legierung für die Lettern oder die Farbe bis zum Papier. Der Blick zurück ist aber auch interessant, weil wir aktuell genauso eine Schwelle zu einer neuen Technologie erleben.

Der Buchdruck demokratisierte Wissen und Kommunikation und veränderte gesellschaftliche, politische und kulturelle Machtstrukturen grundlegend. Sowohl die Reformation als auch die Intensität des 30jährigen Krieges, später blutige Revolutionen, aber auch die Entstehung moderner Demokratien, der Aufschwung der Wissenschaft und Volksbildung usw. werden mit dem Buchdruck in Verbindung gebracht.

Die Geschichte wird zeigen, ob Internet und Künstliche Intelligenz zu ähnlich dramatischen Veränderungen führen werden. Alle Anzeichen sprechen allerdings dafür. Genau dieser Blick zurück kann darum auch dazu beitragen, dass wir die Tragweite der Herausforderungen (endlich!) erkennen. Der Bundesrat hat zwar bereits vor 2 Jahren darauf hingewiesen, dass auch eine gefestigte Demokratie keineswegs einfach so „gegeben“ ist. Wir erleben diese Bedrohung derzeit nicht nur live in den USA, der wohl bedeutendsten Demokratie der Welt, sondern auch mitten in Europa. Medienfreiheit, Informationsfreiheit, Forschungsfreiheit, Gewaltenteilung usw. stehen unter Druck. So hat der Bundesrat „Leitlinien Demokratie“ erarbeitet, um einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung im In- und Ausland zu leisten.

Tatsächlich werden auch europäische Demokratien, auch die Schweiz, in vielfältiger Weise herausgefordert. Internet und Künstliche Intelligenz „demokratisieren“ Information und Kommunikation zwar noch viel radikaler als der Buchdruck. Zugang zu Wissen und zu Publikationen werden für alle Menschen massiv vereinfacht. Ein Computer mit Internetzugang reicht, um fast die ganze Welt zu erreichen. Allerdings vereinfachte die Technologie auch die Verbreitung von Falschinformationen, von Hass, Manipulation oder Fanatismus. Autoritäre Staaten beeinflussen die öffentliche Kommunikation gezielt, um das Vertrauen in die Politik zu schwächen. Grosse Tech-Konzerne unterstützen das, weil sie von demokratischen Strukturen in ihrer Macht begrenzt und in ihrer Geschäftstätigkeit eingeschränkt werden.

Ich halte es für überaus wertvoll, dass der Bundesrat diesem Thema so viel Bedeutung zumisst. Allerdings warte ich noch auf Taten. Bislang scheint mir viel mehr, man schaut in der Politik der massiven Beeinflussung ziemlich tatenlos zu, lässt sie munter unter falschen Profilen Hass und Misstrauen säen.

Wenn es aber darum geht, die Demokratie unter neuen Bedingungen in die Zukunft zu führen, sind wir alle gefordert. Da macht mich unser Schweizer System insgesamt aber doch zuversichtlich. In keinem Land der Welt finden auch nur annähernd so viele Volksabstimmungen statt wie in der Schweiz. Wir sind uns gewöhnt, dass wir alle diese Demokratie mittragen. Vierteljährlich raffen wir uns auf, diskutieren über alle Parteigrenzen hinweg, engagieren uns. Gerade Initiativen und Referenden verhindern ein Auseinanderklaffen von Politik und Bevölkerung. Und bis in die kleinsten Einheiten, in politischen, in Schul- und Kirchengemeinden verzichten wir weitgehend darauf, dass eine kleine Mehrheit über die Minderheit einfach so verfügt. Ganz im Gegenteil: Wir binden unterschiedliche Kräfte in die Politik ein, was uns zu Kompromissen zwingt, um tragfähige Lösungen für möglichst alle Bürgerinnen und Bürger zu suchen.

Wie gesagt: Das macht zuversichtlich, aber eben – selbstverständlich ist auch unsere Demokratie nicht.

Zum Schluss haben wir noch zwei Hinweise für besonders wissenschaftsinteressierte Leserinnen und Leser:

1 .Ein interessanter Abend erwartet Sie am 16. September, wenn Dr. Maximilian Stölzle im Rahmen einer öffentlichen Feier an der Kantonsschule Frauenfeld mit dem Forschungspreis Walter Enggist 2026 ausgezeichnet wird.

2. Wenn Sie sich vertieft mit den Folgen des Buchdrucks – und den entsprechenden Parallelen zur aktuellen Zeit befassen möchten, verlinken wir den Artikel dazu von Mike Yao und Jiyeon Chang.

Wie auch immer: Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche!

Mit freundlichen Grüssen

Thomas Merz
Mitglied des Stiftungsrats

Bildquellen

  • Buchdruck_amador-loureiro-BVyNlchWqzs-unsplash: Buchdruck_amador-loureiro-BVyNlchWqzs-unsplash